Michael Mertes                      Petrarca oder Shakespeare?

© beim Autor                                       Das ist hier die Frage!

 

I.

 

These:

 

Sonette können wirklich süchtig machen:
Sie bändigen die Anarchie im Kopf.
Sie flechten aus dem Wirrwarr einen Zopf,
Sortieren säuberlich die Siebensachen.

 

Antithese:

 

Ach so? Du glaubst tatsächlich, dass Dein Reimen
Dem Chaos der Gedanken imponiert?
Dein Durcheinander wird nicht reguliert,
Wenn Du Dich abmühst, Vers an Vers zu leimen!

 

Synthese:

 

Okay, okay, hier ist mein Kompromiss:
Sonette schaffen Inseln in der Brandung,
Auf denen man ein bisschen ruhen kann.

 

Sie bändigen das Chaos nicht, gewiss;
Doch sie sind Steg für eine kurze Landung,
Ein schöner Seelenrastplatz dann und wann.

 

 

II.


Petrarca war ein großer Verseschmied.
Wer auf sich hält, der ahmt ihn gerne nach
Und komponiert am Fließband Lied für Lied,
Besingt sein Glück, beklagt sein Ungemach.

 

Gedanken wogen sinnreich hin und her;
Am Ende schließt sich dann der schöne Kreis.
Mit etwas Übung fällt das nicht sehr schwer – 
Der Reim fließt aus der Feder ohne Schweiß.

 

Nach zwei Quartinen kommt dann eine Volte –
Und alles löst sich auf in Harmonie.
Der Dichter, der am Anfang heftig schmollte,


Belohnt sich selbst für alle seine Müh.

Doch ich mag Kurven lieber steil und scharf,
Wie man sie mit dem couplet  fahren darf.

 

 

 

 

 

Michael Mertes                      Variation über Shakespeares Sonett 66

© beim Autor

Ich halt’s nicht aus, am liebsten lief ich fort:

Zu sehn, wie Bohlen sich als Künstler gibt

Und Zappen gilt als anspruchsvoller Sport

Und Trash-TV die letzten Standards kippt

 

Und niemand bei „Big Brother“ Orwell kennt

Und Werbung schöne Filme unterbricht

Und Fernseh-Talk ersetzt das Parlament

Und keiner zuhört, jeder ständig spricht

 

Und Dummheit über böse Witze lacht

Und Journalismus nicht mehr recherchiert

Und Politik nur noch Theater macht

Und Hohlheit aufgeblasen triumphiert.

 

Ich hielt’s nicht aus, gäb’s da nicht den Shakespeare:

Er setzt die Benchmark. Richtet euch nach ihr!

 

 

 

Michael Mertes                      Take Five

© beim Autor

Nimm fünf Akzente: Das reicht allemal,

Ein Universum in den Vers zu bannen.

Die sechste Hebung sei nur zweite Wahl,

Denn Symmetrie kann manchen Vers entmannen.

 

Nichts gegen den Alexandriner, nein!

Er ist das Maß perfekter Harmonie.

Doch allzu bräsig wirkt oft sein Design,

Zu wohlsortiert, um die Asymmetrie

 

Des Lebens Überzeugend einzufangen;

Zu gravitätisch und zu kontrolliert,

Um in das Herz des Chaos zu gelangen,

 

Wo Zufall einen schrägen Takt diktiert.

Take five: Mal eins plus vier, mal zwei plus drei“

Vergiss den Kosmos! Hoch die Hexerei!

 

 

 

 

Michael Mertes                      Man nehme...

© beim Autor

Mir schmeckt es nicht, das Vanitas-Gesäusel,

Das fade „Ach!“, das schwer versalzne „Weh!“,

Gut angedickt mit recht viel Pappmaché

Und obendrauf noch bittersüßer Streusel;

 

 

Dazu Empfindungstrüffel, fein geraspelt,

Zerstampfter Trauerkloß und trister Hack,

Ein wenig Zimt auch für den Nachgeschmack,

Das Ganze dann mit altem Gram verhaspelt.

 

 

Man folge nur dem Poesie-Bocuse,

Dann wird aus knackigem Gefühlsgemüse

Im Handumdrehn Sentimentalität;

 

 

So mancher findet diesen Brei erbaulich;

Ich aber find ihn eher unverdaulich,

Den Potpourri aus Emotionsdiät.

 

 

 

 

Michael Mertes                      Plädoyer für die Königin der Nacht

© beim Autor

I.

 

Sarastro gilt in diesen heilgen Hallen

Als Bannerträger edler Menschlichkeit.

Als Unmensch wird von ihm vermaledeit,

Wem seine hehren Lehren nicht gefallen.

 

Gehorsam lauschen seinem Wort Adepten,

Die ihn als Abgott ehrn und sich ihm weihn.

Sie tun, was er befiehlt, ist’s auch gemein,

Wie damals, als Pamina sie verschleppten.

 

Da lob ich mir die Königin der Nacht,

Die man als Übles Weibsbild denunziert,

Als Rächerin, als Ausgeburt des Bösen.

 

Tut sie nicht das, was jede Mutter macht?

Sie nimmt nicht hin, dass man ihr Kind entführt

Und will es aus Gefangenschaft erlösen!

 

 

II.

 

Nur Abstraktion bleibt jene Menschenliebe,

Die sich im Hier und Heute nicht bewährt.

Wenn ein konkreter Mensch sie nicht erfährt,

Bleibt sie Gedanke bloß, gespenstisch trübe.

 

Ihr Diktatoren nennt euch Menschenfreunde -

Und schlagt den Schädel jedem Menschen ein,

Der nicht durch Zwang will euer Bruder sein.

Drum nenn ich euch der Menschheit schlimmste Feinde!

 

Wer wahrhaft liebt, der achtet stets die Würde

Des Anderen - er lässt ihn gerne frei

Und unterwirft ihn niemals eigner Macht;

 

Geschwisterlich trägt er des Andern Bürde,

Wenn der ihn ruft mit seinem Hilfeschrei,

Sei es am Tag, sei es in tiefster Nacht.