© beim Autor Das ist hier die Frage!
I.
These:
Sonette können wirklich
süchtig machen:
Sie bändigen die Anarchie im Kopf.
Sie flechten aus dem Wirrwarr einen Zopf,
Sortieren säuberlich die Siebensachen.
Antithese:
Ach so? Du glaubst tatsächlich, dass
Dein Reimen
Dem Chaos der Gedanken imponiert?
Dein Durcheinander wird nicht reguliert,
Wenn Du Dich abmühst, Vers an Vers zu leimen!
Synthese:
Okay, okay, hier ist mein
Kompromiss:
Sonette schaffen Inseln in der Brandung,
Auf denen man ein bisschen ruhen kann.
Sie bändigen das Chaos nicht,
gewiss;
Doch sie sind Steg für eine kurze Landung,
Ein schöner Seelenrastplatz dann und wann.
II.
Petrarca war ein großer Verseschmied.
Wer auf sich hält, der ahmt ihn gerne nach
Und komponiert am Fließband Lied für Lied,
Besingt sein Glück, beklagt sein Ungemach.
Gedanken wogen sinnreich hin
und her;
Am Ende schließt sich dann der schöne Kreis.
Mit etwas Übung fällt das nicht sehr schwer –
Der Reim fließt aus der Feder ohne Schweiß.
Nach zwei Quartinen kommt dann
eine Volte –
Und alles löst sich auf in Harmonie.
Der Dichter, der am Anfang heftig schmollte,
Belohnt sich selbst für alle seine Müh.
Doch ich mag Kurven lieber
steil und scharf,
Wie man sie mit dem couplet
fahren darf.
© beim Autor
Ich halt’s
nicht aus, am liebsten lief ich fort:
Zu
sehn, wie Bohlen sich als Künstler gibt
Und
Zappen gilt als anspruchsvoller Sport
Und
Trash-TV die letzten Standards kippt
Und
niemand bei „Big Brother“ Orwell kennt
Und
Werbung schöne Filme unterbricht
Und Fernseh-Talk
ersetzt das Parlament
Und
keiner zuhört, jeder ständig spricht
Und
Dummheit über böse Witze lacht
Und
Journalismus nicht mehr recherchiert
Und
Politik nur noch Theater macht
Und
Hohlheit aufgeblasen triumphiert.
Ich
hielt’s nicht aus, gäb’s da nicht den Shakespeare:
Er
setzt die Benchmark. Richtet euch nach ihr!
© beim Autor
Nimm fünf Akzente: Das reicht allemal,
Ein Universum in den Vers zu bannen.
Die sechste Hebung sei nur zweite Wahl,
Denn Symmetrie kann manchen Vers entmannen.
Nichts gegen den Alexandriner, nein!
Er ist das Maß perfekter Harmonie.
Doch allzu bräsig wirkt oft sein Design,
Zu wohlsortiert, um die Asymmetrie
Des Lebens Überzeugend einzufangen;
Zu gravitätisch und zu kontrolliert,
Um in das Herz des Chaos zu gelangen,
Wo Zufall einen schrägen Takt diktiert.
Take five: Mal eins plus vier, mal zwei plus drei“
Vergiss den Kosmos! Hoch die Hexerei!
© beim Autor
Mir schmeckt es nicht, das
Vanitas-Gesäusel,
Das fade „Ach!“, das schwer
versalzne „Weh!“,
Gut angedickt mit recht viel
Pappmaché
Und obendrauf noch bittersüßer
Streusel;
Dazu Empfindungstrüffel, fein
geraspelt,
Zerstampfter Trauerkloß und
trister Hack,
Ein wenig Zimt auch für den
Nachgeschmack,
Das Ganze dann mit altem Gram
verhaspelt.
Man folge nur dem
Poesie-Bocuse,
Dann wird aus knackigem
Gefühlsgemüse
Im Handumdrehn
Sentimentalität;
So mancher findet diesen Brei
erbaulich;
Ich aber find ihn eher
unverdaulich,
Den Potpourri aus Emotionsdiät.
© beim Autor
I.
Sarastro
gilt in diesen heilgen Hallen
Als
Bannerträger edler Menschlichkeit.
Als
Unmensch wird von ihm vermaledeit,
Wem
seine hehren Lehren nicht gefallen.
Gehorsam
lauschen seinem Wort Adepten,
Die
ihn als Abgott ehrn und sich ihm weihn.
Sie
tun, was er befiehlt, ist’s auch gemein,
Wie
damals, als Pamina sie verschleppten.
Da
lob ich mir die Königin der Nacht,
Die
man als Übles Weibsbild denunziert,
Als
Rächerin, als Ausgeburt des Bösen.
Tut
sie nicht das, was jede Mutter macht?
Sie
nimmt nicht hin, dass man ihr Kind entführt
Und will
es aus Gefangenschaft erlösen!
II.
Nur
Abstraktion bleibt jene Menschenliebe,
Die
sich im Hier und Heute nicht bewährt.
Wenn
ein konkreter Mensch sie nicht erfährt,
Bleibt
sie Gedanke bloß, gespenstisch trübe.
Ihr
Diktatoren nennt euch Menschenfreunde -
Und
schlagt den Schädel jedem Menschen ein,
Der
nicht durch Zwang will euer Bruder sein.
Drum
nenn ich euch der Menschheit schlimmste Feinde!
Wer
wahrhaft liebt, der achtet stets die Würde
Des
Anderen - er lässt ihn gerne frei
Und
unterwirft ihn niemals eigner Macht;
Geschwisterlich
trägt er des Andern Bürde,
Wenn
der ihn ruft mit seinem Hilfeschrei,
Sei
es am Tag, sei es in tiefster Nacht.